Heute vor einem Jahr hatte ich mein Coming-Out

homosexuell, schlecht, unattraktiv, uninteressant, uncool, langweilig, weichlich, nicht männlich, unangenehm, peinlich, seltsam, Ablehnung
— Schwul: Synonyme

Die Worte schwul oder gay gehörten in meiner Schulzeit zum normalen Sprachgebrauch. Ich verstand sehr schnell, dass sie nichts gutes an einem ließen. Rückblickend würde ich mich als recht seltsam, introvertiert und zurückhaltend beschreiben — sicherlich ein leichtes Ziel für diese Worte. Und doch sah ich sie meistens an mir vorbei rauschen, andere Mitschüler treffend, die sich noch ungeschickter anstellten als ich. In einer Weise trafen die Worte jedoch auch mich. Sie prägten mein Bild von Homosexuellen als etwas perverses, als einen Fehler, als etwas, mit dem man tunlichst nicht in Verbindung gebracht werden wollte.

Aber was, wenn ich selbst schwul bin? Diese Frage war plötzlich da. Erst war sie sehr leise, dann wollte sie nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Wie eine Pflanze wurde sie von meinen Mitschülern regelmäßig gepflegt und gegossen. Bin ich schwul? Allein dieses Wort, kam mir absurd vor. Alle anderen schienen sich ihrer sexuellen Orientierung absolut sicher. Warum weiß ich das nicht? Dass ich meine selbstverständliche Sexualität in Frage stellte ließ ich mir nicht anmerken.

Es war wie ein Tauziehen in meinem Kopf — ein Kampf zwischen meinem Denken und meinen Gefühlen. Ich hatte keinen einzigen Schwulen in meinem Umfeld, so verzerrte sich deren Bild ohne jeden Anhaltspunkt immer weiter in ein negatives Extrem. Es war mein Selbstportrait, welches ich zu hassen begann. Homosexualität wurde für mich zu einem Brandmal, welches mich und all das, was ich je erschaffen oder erreichen würde, minderwertig, gar wertlos erscheinen läßt.

Ich erklärte alles Schwule für tabu. Ich wich dem Thema aus, wo auch immer es ging. Durch Ablenkung oder eigens erschaffene logische Konstrukte, die meine eigene Heterosexualität untermauern sollten, konnte ich dem Konflikt immer wieder kurz entgehen. Ich finde Jungs anziehend, weil ich eigentlich so sein will, wie sie. Ich tat dies manchmal über Monate hinweg. So lange ich keinen Sex hatte, kann ich meine sexuelle Orientierung nicht kennen. Wurde es jedoch wieder still oder brachen die selbsterdachten Konstrukte zusammen, begannen die Stimmen in meinem Kopf wieder zu reden, zu schreien und nahmen dabei immer mehr Raum ein, bis sie mein Leben beherrschten. Ich war in mir selbst gefangen, isoliert, orientierungslos und unglücklich. Meine Projekte und Ziele wurden von einer großen Gleichgültigkeit verschlungen. Mein Leben war nicht mehr lebenswert. Wie ein Roboter fuhr ich trotzdem fort. Von meinen Selbstmordgedanken erzählte ich niemandem. Wie soll man sich auch jemandem öffnen, wenn man es nicht vor sich selbst kann? Ich konnte es nicht.

Dieses Gefühls- und Gedankenchaos hielt mich über 7 Jahre hinweg gefangen. Bis zum 1. November 2014. Ein Freund von mir schrieb in einem offenem Brief über seine Suizid-Gedanken. Der vermeintliche Abschiedsbrief warf mich völlig aus der Bahn. Und dann eröffnete mir diese plötzliche Konfrontation mit dem Tod einen Blick auf das wirklich Wichtige. Noch nie sah ich so klar: Ich bin schwul. Ich muss es meiner Familie sagen.

Ich studierte zu diesem Zeitpunkt in Berlin. Bis zur bereits geplanten Heimreise sollten noch 10 Tage vor mir liegen. In der Stille jeder Nacht stellte ich mir vor, wie meine Angehörigen und Freunde wohl auf meine abnormale Sexualität reagieren werden. Das Gefühl von Aufregung, wie man es von Vorträgen kennt, raubte mir den Schlaf. Ich hatte nicht nur Angst vor Ablehnung, ich hatte Angst davor, dass die Leute mich nach meinem Coming-Out als jemand anderes sehen. Ich hasste die Vorstellung, der schwule Sohn, Bruder oder Typ sein.

Ich landete um 12:15 Uhr in Luxemburg, meine Mutter holte mich ab. Im Auto erzählte sie freudig, was alles in meiner Abwesenheit so passiert war, erkundigte sich, was bei mir so los sei. Das ganze Gespräch, meine Reaktionen, Antworten, meine Person, es waren alles Lügen. Es schien schon ewig so gewesen zu sein. Das war nicht meine Absicht. Bis ich meiner Mutter dann ins Wort fiel: “Ich bin schwul und ich will es heute Abend allen sagen.” Meine Mutter schaute mich verblüfft an, entgegnete Fragen, ob ich mir sicher sei und ob ich einen Freund hätte. Sie reagierte mit Verständnis.

Der Plan ging auf, meine Mutter führte am Abendtisch den richtigen Moment herbei, sie sorgte für Ruhe und erteilte mir das Wort. Dieses blieb mir unweigerlich im Halse stecken. Ich zittere heute noch, wenn ich an den Augenblick zurück denke. Und dann reihte ich diese drei Worte aneinander und konnte sie dabei selbst kaum glauben. Ich bin schwul. Ich fühlte noch nie so viel Schuld und Scham, wie in diesem Augenblick. Meine beiden Schwestern und mein Vater starrten mich an. Bis sie verstanden. Bis sie die Situation mit einem Lächeln auflösten. Ich war nicht mehr alleine.

Nach und nach outete ich mich in den kommenden Monaten vor weiteren Angehörigen und Freunden, die sich hinter mir versammelten und mir den Rücken stärkten. Ich bin für jeden von ihnen dankbar, mir dieses Fundament gegeben zu haben, auf das ich bauen konnte. Das Geschrei in meinem Kopf war verstummt. Langsam korrigierte sich dieses hässliche Bild von Schwulen und damit auch von mir selbst.

Am 13. Juni 2015 riss ich auch die letzten Teile meiner persönlichen Mauer ein. Ich outete mich öffentlich in den sozialen Netzwerken. Nie wieder will ich mich verstecken.

“Merci fir déi ausnahmslos Ënnerstëtzung. Ganz éierlech. Ech wier ouni déi nie an der Laach gewiecht, dëst heimat ëffentlech ze maachen: Ech si schwul. I’m gay.”
— Fränz Friederes, 13. Juni 2015

Seitdem ist genau ein Jahr vergangen. Mein erstes Jahr seit langem in Freiheit. Ich bin jetzt 22 und immer noch schwul. Ich bin froh, dass es so ist. Ich bin dankbar für meine Vergangenheit, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Ich kann niemandem dafür Schuld zuweisen. Nicht den damaligen Mitschülern oder Freunden, nicht meiner Familie, meinen Eltern, nicht einmal mir. Ich mache unsere kranke Gesellschaft dafür verantwortlich und möchte mich an deren Genesung beteiligen.

Ich habe einiges nachzuholen. Vor allem was Beziehungen und Liebe angeht bin ich voller Sehnsucht. Es vergeht bisher kein Tag, an dem mir der Hinweis auf meine abweichende Sexualität erspart bleibt. Immer noch neige ich dazu, den Wert meiner Selbst durch Arbeit zu definieren.

“The resulting wound does not manifest in a belief that our sexuality is a problem, but simply in us not feeling very good about ourselves.”
— Matthew Todd, Straight Jacked

Dafür sehe ich die Welt nun mit anderen Augen. Ich lehne jede gesellschaftliche Norm ab, welche Menschen darin einschränkt, die eigene sexuelle und geschlechtliche Identität zu finden oder zu leben. Ich bin für Gleichberechtigung, für die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus. Ich sehe Sexualität als natürlich und veränderbar an. Die harten Kanten aus der Natur wurden fast ausschließlich von Menschen hinterlassen, so auch die Labels männlich, weiblich, hetero- oder homosexuell. Sie dürfen den Menschen nicht länger vorschreiben, wie oder was sie sein sollen. Wir müssen diese Tabus brechen! Wir müssen uns von diesen Labels befreien!

„Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.“
— Jiddu Krishnamurti

Es ist noch längst nicht alles selbstverständlich für LGBTIQ* (lesbian, gay, bisexual, transgender, intersex, queer, etc.) Menschen. Ich bin jedoch sehr froh, diese spannende Zeit des Umbruchs miterleben und möglicherweise mitgestalten zu können. Es gibt noch viel zu tun, aber es lohnt sich Zeichen zu setzen und dafür zu kämpfen.

Abschließend möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die Wörter schwul oder gay nie in einen ablehnenden oder negativen Kontext gehören. Man geht davon aus, dass 5% bis 10% aller Menschen von Geburt an nicht unter das Label heterosexuell passen. Das sind ungefähr zwei Schüler pro Schulklasse. Es hört immer jemand zu.

Die Offenheit eines Freundes hat mir die Augen geöffnet. Aus diesem Grund teile ich auch meine Geschichte.

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Founder of Wierk Studio, Web Engineer, Computer Science student at Humboldt University of Berlin, Interaction Design graduate, He/Him/His 🏳️‍🌈

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Fränz Friederes

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